15. Februar 2010   Aktuell

Demagogie zugunsten der Privilegierten

Die Mandatsträger Victor Perli (Landtag), Roland Kretschmer (Kreistag), Jürgen Hartmann (Stadtrat) der Partei DIE LINKE erklären zu der Stellungnahme der FDP („Zu Lasten der sozial Schwachen“) in der BZ vom 12.02.2010:

Die Elternschaft hat sie gewollt, der Kreistag ihre Einrichtung beschlossen, die Landesschulbehörde dazu die Genehmigung erteilt: eine IGS endlich auch in Wolfenbüttel.

Doch offenbar empfinden konservative Pädagogen und bildungs- und besitzbürgerliche Kreise diese demokratische Entscheidung als derart herbe Niederlage, dass allerhand tendenziöse Behauptungen und Tatsachenverdrehungen dafür herhalten müssen, die IGS noch vor ihrem Start zu diskreditieren.

Richtig ist, dass der Landkreis Investitionskosten von 10,4 Millionen Euro veranschlagt. Allerdings nicht etwa jährlich oder im laufenden Jahr, sondern in den Jahren 2010 bis 2015 insgesamt!

Der Teilhaushalt „Arbeit und Soziales“ hat allein dieses Jahr ein Volumen von ca. 65 Millionen Euro. Der Anteil der „freiwilligen Leistungen“, die der Landkreis also einschränken könnte, macht davon etwa 0,7 Prozent aus! Selbst wenn es in diesem Bereich – nämlich bei den Zuschüssen für die Wohlfahrtsverbände – zu  geringfügigen Kürzungen kommen sollte, ist nicht recht nachvollziehbar, wie das „zu Lasten der sozial Schwachen“ gehen und ihnen, „diesen Schichten“, dadurch „die notwendige soziale Unterstützung ... entzogen“ werden könnte.

Letztlich soll doch nur den „bildungsfernen Schichten“ suggeriert werden, dass sie es sind, die sämtliche Kosten und Folgen der Einrichtung einer IGS zu tragen haben.

Selbstverständlich sind die Gesamtschulen auch nicht verantwortlich für den Niedergang des viergliedrigen Schulsystems. Das ist einfach nur völlig veraltet und nicht mehr lebensfähig. Wenn Schulschließungen unvermeidlich werden, dann zum einen aufgrund des demographischen Wandels, zum anderen durch eine Art systemimmanenten Gymnasialzwang. Die Diskussion über den „Elternwillen“ bei der Selektion von Viertklässlern zeigt sehr deutlich, dass die bildungs- und schulpolitischen Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte kaum eine andere Wahl ließen, als die Kinder mit Biegen und Brechen auf ein Gymnasium zu schicken.

In dieser Misere ist die Gesamtschule die sinnvolle Alternative. Sie vermeidet und behebt nämlich weitgehend die eklatantesten Fehler des ständischen Schulsystems, wie frühzeitige und soziale Selektion, mangelnde Durchlässigkeit, unzureichende individuelle Förderung. Und – im Gegensatz zu dem, was FDP, Philologenverband usw. glauben machen wollen – ist durch unzählige wissenschaftliche Untersuchungen belegt, dass in Gesamtschulen keineswegs „das Niveau gesenkt, Begabte unterfordert und weniger Talentierte zu wenig gefördert“ werden – ganz im Gegenteil!

Worum also geht es bei all dem Getöse? Darum: „Die in den Gesamtschulen vorherrschende Gleichstellung unterschiedlich begabter Schüler [führt] zu mehr Ungerechtigkeit, denn Gleiches sollte als gleich und Ungleiches als ungleich behandelt werden.“ Ein denkwürdiger Satz! Welch ein Verständnis von Grundgesetz und Demokratie! Und eine unvergleichliche Entscheidungshilfe für alle Eltern bei der Schulwahl!